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Jahrhundertbauwerk oder Milliardengrab?

Die Diskussion um den Neubau einer Oper in Düsseldorf ist ziemlich symptomatisch dafür, wie Politik heute funktioniert: Man weigert sich, die Realität zur Kenntnis zu nehmen, hat Angst, Bestehendes infrage zu stellen, und verlagert Probleme und Kosten in die Zukunft.


Dass Düsseldorf eine Oper braucht, wird in der ganzen Diskussion eigentlich kaum in Frage gestellt. Dies ist insofern erstaunlich, als es sich eigentlich nur damit „begründen“ lässt, dass es seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hierzulande eben immer schon so war. Tatsächlich ist das klassische Singspiel mittlerweile ein Genre, dass nur noch eine vergleichsweise kleine Minderheit der Stadtgesellschaft zu begeistern vermag; für die Oper interessiert sich in erster Linie ein Publikum, das gutsituiert ist und der Alterskohorte 60+ angehört. Daran haben auch die aufwändigen Beteiligungsformate im Zusammenhang mit der Diskussion um den Opernneubau kaum etwas geändert. Obwohl die Werbetrommel kräftig gerührt wurde und es immerhin um Beträge in Milliardenhöhe ging, war die Beteiligung an den zahlreichen Diskussionsforen, Internetbefragungen, Expertenrunden, Präsentationen etc. eher gering.


Selbst die Grünen, die sich gegen einen Neubau ausgesprochen haben, stellen die Oper keineswegs in Frage, sondern sind bereit, erhebliche Mittel in die Sanierung des Bestandsbaus zu stecken. Und das kann sehr teuer werden. Immerhin stimmten die Grünen im Frühjahr 2021 noch für den Neubau – wohl auch deshalb, weil die Sanierungskosten für den Bestandsbau auf über 400 Millionen veranschlagt wurden.


Für (die meisten) Sozialdemokraten ist die Oper kein Herzensprojekt. Deshalb haben sie ihre Zustimmung für den Opernneubau geknüpft an das Zugeständnis des Oberbürgermeisters, einen vergleichbaren Betrag in den Wohnungsbau zu investieren und darüber hinaus erhebliche Mittel für die Kultur in den Stadtteilen locker zu machen.


Ganz logisch ist dies natürlich nicht. Zum einen hat sich der Oberbürgermeister in einer Pressekonferenz kurz vor der Ratsentscheidung zur Oper kurzerhand selbst an die Spitze der Bewegung für mehr Wohnungsbau gestellt, so dass man sich fragen kann, weshalb die SPD ihm jetzt noch den Gefallen tun sollte, seinen Opernplänen zuzustimmen. Und zum andern erscheint es nicht sonderlich glaubwürdig, einer Milliarden-Investition in die „Hochkultur“ nur dann zuzustimmen, wenn der Kulturetat auch für andere Zwecke noch zusätzlich aufgebläht wird. Immerhin werden Ausgaben normalerweise durch Einnahmen, nicht aber durch zusätzliche Ausgaben gedeckt.


Gespart werden soll nach der Vorstellung der SPD beim Gebäude. Statt eines spektakulären „Protzbaus“ soll ein Gebäude gebaut werden, das zwar alle Anforderungen des von den Experten definierten Raumprogramms erfüllen soll, aber auf Schnörkel und Schnickschnack verzichtet. Kein Musentempel soll entstehen, sondern ein Zweckbau.


Ob das eine gute Idee ist, darf bezweifelt werden. Denn ob mit der Oper ein spektakulärer städtebaulicher Eyecatcher gebaut wird oder ein schlichter Zweckbau, dürfte kostenmäßig nicht nennenswert ins Gewicht fallen, wohl aber einen erheblichen Einfluss darauf haben, inwieweit die Oper als Touristenmagnet taugt oder nicht.


Maßgeblichen Einfluss auf die Kosten haben ganz andere Faktoren, beispielsweise die Anzahl der Seitenbühnen. Die zweite Seitenbühne, die für den Neubau geplant ist, führt zu einer erheblichen Vergrößerung des Flächenbedarfs der Oper. Das treibt nicht nur die Kosten, sondern ist auch maßgeblich verantwortlich für den vielbeklagten Eingriff in den Hofgarten am traditionellen Standort an der Heinrich-Heine-Allee. Notwendig sind die Seitenbühnen insbesondere dann, wenn Répertoire – also jeden Abend ein anderes Stück – gespielt wird, und deshalb die Kulissen nicht jedes Mal vollständig neu auf- und abgebaut werden können, sondern eben in einer Seitenbühne zwischengelagert werden. Würde man en suite – also dasselbe Stück eine Zeit lang jeden Abend – spielen, fiele diese Notwendigkeit weg.


Hinzukommt, dass das Zeitalter der Digitalisierung auch vor dem Opernbetrieb nicht Halt macht mit der Folge, dass die Illusion des Bühnenbildes nicht mehr durch aufwändige Schreiner-, Schlosser-, und Malerarbeiten, sondern durch digitale Effekte hergestellt werden kann.


Selbstverständlich ließen sich die Kosten für die Stadt auch dadurch reduzieren, dass das Grundstück nicht ausschließlich für die Oper, sondern auch für kommerzielle Zwecke genutzt werden kann. Der städtebaulich wohl spektakulärste Entwurf von Snoehetta – das ist das Architekturbüro, das die großartige Osloer Oper gebaut hat – sah zwei Türme für eine Büro-, Hotel- und Wohnnutzung vor. Der Rat hat sich dagegen entschieden und allein dadurch die Kosten um einen dreistelligen Millionenbetrag nach oben getrieben.


Die größten Einsparungen aber lassen sich beim Opernbetrieb realisieren. Nirgendwo auf der Welt ist die Operndichte so hoch wie in Nordrhein-Westfalen, wo das klassische Singspiel auf insgesamt 15 Bühnen aufgeführt wird. Dies ist ein dramatisches Überangebot, das nur mit ständig steigenden Subventionen finanziert werden kann. Allein die Landeshauptstadt Düsseldorf steckt Jahr für Jahr weit über 30 Millionen € in den Opernbetrieb. Hinzu kommen weitere Millionenbeträge, die in die Erhaltung und Sanierung des maroden Gebäudes fließen. Im Ergebnis bedeutet dies, dass Abend für Abend jedes Ticket mit rund 300 € aus dem städtischen Etat bezuschusst wird. Auffallend ist dabei, dass ein immer höherer Anteil des städtischen Zuschusses in die Verwaltung fließt und immer weniger in die eigentliche künstlerische Produktion. Mit anderen Worten: die Oper wird zwar immer teurer, entwickelt aber gleichzeitig immer weniger „Strahlkraft“.


Stoppen lässt sich dieser Trend nur dann, wenn man zu grundlegenden Reformen bereit ist. Braucht wirklich jede Oper ihre eigene Verwaltung, ihre eigene Kulissenwerkstatt, ihre eigene Kostümschneiderei, ihren eigenen Fundus, etc. pp? Wie wäre es, wenn man etwa die gesamte Verwaltung und den gesamten nichtkünstlerischen Bereich der sieben Opern im Rheinland – Bonn, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Krefeld, Mönchengladbach, Essen – zusammenlegt? Und wie wäre es, wenn man gemeinsam inszeniert und die jeweiligen Produktionen reihum en suite in den beteiligten Opernhäusern aufführt? Die dadurch ermöglichten Kostensenkungen dürften beachtlich sein und gingen gerade nicht zulasten der künstlerischen Qualität.


Natürlich würde eine solche Reform einen radikalen Bruch mit liebgewonnenen Traditionen bedeuten. Aber die im Zusammenhang mit dem Neubau der Düsseldorfer Oper – aber auch der erforderlichen Sanierung der Opernhäuser in Köln oder Duisburg – diskutierten Kosten rechtfertigen diese Diskussion allemal!


Wer verhindern möchte, dass das „Jahrhundertbauwerk“ einer neuen Düsseldorfer Oper zum Milliardengrab wird, muss die Realität zur Kenntnis nehmen. Der Opernbetrieb in seiner heutigen Form ist geprägt von tendenziell rückläufiger Nachfrage, abnehmender Strahlkraft und gleichzeitig steigendem Subventionsbedarf. Damit ist er auf Dauer nachhaltig nicht aufrechtzuerhalten.


Ein Opernneubau ist vor diesem Hintergrund nur vertretbar, wenn in punkto Ausstattung und Nutzung alle vorhandenen Einsparmöglichkeiten genutzt werden. Und darüber hinaus bedarf es einer grundlegenden Strukturreform, die die Kosten drastisch senkt und so verhindert, dass der Opernbetrieb auf Dauer zu einem Fass ohne Boden wird.


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1 Comment


Naja, der Vorgänger von OB Keller hätte ja eine entscheidung treffen oder treffen lassen können!

So wird OB Keller es machen, wie sein Vorgänger!

Und auch Keller wird seinem Nachfolger dann nette Ratschläge geben....

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